Schlaf gut, mein Schatz

Wenn ein Notarztwagen ganz alleine vor einem Haus steht, bedeutet das nichts Gutes.

Hier braucht keiner einen Rettungswagen, um den Patienten ins Krankenhaus zu bringen. In dem Haus werden keine Medikamente aufgezogen, keine Nadeln gelegt. Hier tropft keine Infusion mehr.

Als Notarzt habe ich viel erlebt, ich würde sagen: Fast alles. Ich weiß, wie man einen MANV (Massenanfall von Verletzten) abarbeitet, wie ertrunkene Kinder reanimiert werden, ich saß schon zigmal in einem Auto, wenn die Feuerwehr den Patienten herausschneidet.

Aber auf diesen Einsatz ist kein Notarzt vorbereitet.

Die Eltern weinen nicht. Weil sie dafür keine Energie mehr haben. Sie stehen einfach da und halten sich an den Händen. Ich muss gar nichts sagen, denn jeder erkennt sofort, wenn das Leben schon vor Stunden ausgegangen ist. Die Haut wird ganz weiß. Wie bei einer Puppe.

Und wieviel Kraft manche Menschen doch haben.

Einmal sagten die hinterbliebenen Eltern etwas zu mir, das ich niemals vergessen werde: "Wir sind nicht traurig, wir sind dankbar. Die Zeit mit unserem Kind war wie ein tolles Konzert unserer Lieblingsband. Wir haben uns monatelang darauf gefreut und als es losging haben wir die gemeinsame Zeit gefeiert. Wir haben gesungen, gelacht und jede Minute genossen.

Doch irgendwann kommen die Zugaben und plötzlich gehen die Lichter auf der Bühne aus. Das Konzert ist zu Ende. Wir sind nicht traurig, wir sind dankbar. Weil die gemeinsame Zeit einfach perfekt war".

Wenn ein Notarztwagen und ein Polizeiwagen vor einem Haus stehen, bedeutet das nichts Gutes.

"Unklare Todesursache", plötzlicher Kindstod. Da wird immer die Kripo gerufen. Den Eltern ist das meistens egal, sie haben ganz andere Gedanken.

Und dann gibt es diesen Moment. Wenn ich alle Dokumente geschrieben habe. Und vom Küchentisch aufstehe. Und vor den Eltern stehe. Und ich weiß: Es gibt keine passenden Worte. Nichts ist richtig in diesem falschen Moment.

Und dann gehen wir zu unserem Auto. Wir drücken "Status 1". Einsatzbereit. Eine glatte Lüge. Wir sind nicht einsatzbereit.

Auf zum nächsten Patienten. Da stehen dann wieder der Rettungswagen und der Notarztwagen vor dem Haus.

So, wie es richtig ist.

Dr. Timm
Chefarzt für die Führung

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